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Open Air Kino

17.08.2024
21:00 Uhr

Der Film zum Spielzeug – das ist „Barbie“. Aber das knallbunte, pinke Abenteuer ist zugleich auch mehr. Nicht weniger darf man erwarten, wenn Greta Gerwig und Noah Baumbach, die Lieblinge des Independent-Kinos, sich der wohl bekanntesten Puppe aller Zeiten annehmen und sich auch nicht scheuen, die Hand, die sie füttert – Spielzeughersteller Mattel – zu beißen. Dies ist ein cleverer Film darüber, was Barbie eigentlich ist, und was sie sein könnte.

Im Barbieland leben alle Barbies, aber auch alle Kens. Jeder Tag ist der perfekte Tag. Sie haben Spaß am laufenden Band. Aber das gilt für die Barbies mehr, als für die Kens, denn die sind vor allem von der Aufmerksamkeit ihrer Angebeteten abhängig. Für die stereotype Barbie ist alles, wie immer. Bis es das nicht mehr ist. Eines Tages ist sie plattfüßig, hat Zellulite und denkt über ihre eigene Sterblichkeit nach. Um wieder zu werden, wer sie war, gibt es nur einen Weg: Sie muss in die echte Welt und die Besitzerin der Puppe finden, mit der sie verbunden ist.

Das klingt im Grunde nach einem konventionellen Film, wenn man überlegt, wie man mit einer relativ limitierten Puppe abendfüllend ein flottes Abenteuer erzählen will. Im Grunde ist der Film nicht weit vom ersten CGI-Live-Action-Film mit den Schlümpfen entfernt. Wenn man ihn auf den bloßen Kern der Geschichte herunterbricht. Aber „Barbie“ so viel mehr als das, weil Greta Gerwig und Noah Baumbach als Autoren eine ganz andere Sensibilität haben, als sie für diese Art Film gefragt ist. Natürlich erzählen sei ein quietschfideles Abenteuer, aber sie laden es auf – mit Seitenhieben auf die unterschiedlichsten Barbies, die Mattel hergestellt und schnell wieder aus dem Verkehr gezogen hat.

Mit der Einbeziehung von Mattel, dessen Vorstand, angeführt von Will Ferrell, als profitgierig gezeichnet wird. Aber auch mit einer flammenden Rede, die America Ferraras Figur halten darf, als es darum geht, die im Bann des Patriarchats stehenden Barbies aus ihrer Gehirnwäsche zu befreien. In geringeren Händen als denen von Greta Gerwig hätte das plump sein können. Feministische Anbiederung ohne Rücksicht auf Verluste. Aber Gerwig setzt das clever um, macht Barbieland zum Gegenteil der echten Welt – zum gelungenen Matriarchat, in das das Patriarchat eindringt und alles auf den Kopf stellt. Die Kens sind dabei so etwas wie die Antagonisten, aber auch nur arme Würstchen, die nur nach Aufmerksamkeit und Bestätigung gieren.

Der Film greift das Bild von Barbie an. Die unrealistische Erwartung an den Frauenkörper, im Grunde aber auch die an den Männerkörper – die Kens sind ja nicht weniger perfekt als Barbie. Seit mehr als 60 Jahren existiert die Puppe, aber so introspektiv wie hier hat man sich bei Mattel wohl nie mit ihrer Flächenwirkung auseinandergesetzt.

Während der Film die Flagge des Empowerments schwenkt, zelebriert er auch das Absurd-Schräge von Barbieland, aber auch seinen Bewohnern. In einer der imposantesten Sequenzen kommt es nicht nur zum irrwitzigen Kampf, sondern das Ganze ist auch eine Musical-Einlage mit einem überragenden Ryan Gosling. Er ist, wie auch Margot Robbie, toll in seiner Rolle. Die Nebenrollen sind spannend besetzt, u.a. mit dem neuen „Doctor Who“ Ncuti Gatwa und dessen „Sex Education“-Kollegin Emma Mackey.

„Barbie“ ist ein Traum in Pink. Perfekte Unterhaltung, die große, ernste Themen hinter pinker Zuckerwatte versteckt. Es brauchte Gerwig und Baumbach, um aus einer konventionellen Geschichte mehr zu machen. In Gerwigs fähigen Händen als Regisseurin wird aus Kitsch echte Kunst. (Peter Osteried)

USA 2023; Regie: Greta Gerwig, Darsteller: Margot Robbie, Ryan Gosling, Will Ferrell, Michael Cera, Länge: 114 Minuten, ab 6 J.